Raglan hat geliefert – und wie. Vom 15. bis 25. Mai 2026 war der linke Pointbreak an der Westküste Neuseelands Schauplatz des vierten CT-Stopps der WSL Championship Tour 2026, und das Event hat von Anfang bis Ende gehalten, was der Spot verspricht. Italo Ferreira setzte sich im Männer-Final durch, Carissa Moore dominierte auf der Gegenseite – und der Finaltag lieferte gleich zwei Momente, bei denen einem kurz der Atem stockte: ein Perfect-10-Ride in den WSL-Highlights und ein Code-Red-Incident, der den Wettkampf für mehrere Stunden stoppte. Kurz gesagt: Raglan 2026 war alles andere als ein gewöhnlicher Tourstopp.
Raglan/Manu Bay: Der erste CT-Stop in Neuseeland — ein Spot stellt sich vor
Raglan ist unter Wellenreiter:innen längst kein Geheimtipp mehr. Der linke Pointbreak von Manu Bay gilt als einer der konstantesten und längsten Linksbrecher der Südhalbkugel. Für die WSL Championship Tour war es dennoch eine Premiere: Erstmals in der CT-Geschichte fand ein Herren- und Damen-Event auf neuseeländischem Boden an diesem Spot statt.
Die Wartezeit zu Beginn des Events zog sich, doch die letzten beiden Tage entschädigten für alles. Die Wellen lieferten lange Wände, die Raum für Kombinationen gaben, ideal für Frontside-Power-Surfen und präzises Backside-Timing. Genau der Wellentyp, der am Ende die Taktik im Finale entschied.
Das Damen-Finale: Carissa Moore schreibt Geschichte
Carissa Moore (HAW) hat in ihrer Karriere viele Titel geholt. Dieser hier trägt ein anderes Gewicht. Nach zwei Saisonen abseits der Tour, in denen sie ihre Tochter ‚Olena zur Welt brachte, kehrte die fünffache Weltmeisterin und Olympiasiegerin von Tokio 2020 zurück und gewann direkt das erste CT-Event in Neuseeland seit ihrem Debütsieg 2010 in Taranaki.
Damals war sie 17 Jahre alt und Rookie. Jetzt ist sie 33, Mutter und postete laut WSL die höchsten Heat-Totals jeder Runde, inklusive eines Semifinal-Scores von 19.00 (von möglichen 20 Punkten), dem höchsten Wert der gesamten Saison 2026.

Mit 29 CT-Siegen festigt Moore ihren Platz auf Rang zwei der ewigen Bestenliste. Sie ist außerdem die jüngste Frau in der 50-jährigen CT-Geschichte, die als Mutter ein Event gewann, nach Melanie Bartels (HAW, zuletzt 2008) und Lisa Andersen (USA, 15 ihrer 21 Siege nach der Geburt ihrer Tochter).
Das Finale gegen Sawyer Lindblad (USA) war eng. Lindblad, Rookie of the Year 2024, schlug zunächst mit einer 9.00 zu und brachte Moore in Zugzwang. Die Hawaiianerin antwortete sechs Minuten vor dem Ende mit einer 9.40, drei kraftvolle Backhand-Blasts auf einer steilen Innensektion, und sicherte sich mit einem Heat-Total von 17.90 den Sieg. Moores Aufstieg auf Platz sechs der Weltrangliste macht sie zu einer ernsthaften Konkurrentin für die neue Generation. Bereits zuvor hatte Stephanie Gilmore mit ihrem Comeback-Sieg an der Gold Coast beim dritten CT-Stop gezeigt, dass Erfahrung auf der Tour nach wie vor ein entscheidender Faktor ist.
Das Herren-Finale: Ferreira zurück an der Spitze
Italo Ferreira (BRA) gewann seinen elften CT-Titel und trägt das Yellow Leader Jersey in den nächsten Stopp, zum zweiten Mal in Folge. Der Weltmeister von 2019 und Olympiasieger von Tokio 2020 hatte zuletzt über zwölf Monate auf einen Sieg gewartet. In Raglan ließ er keine Zweifel.
Das Finale gegen Morgan Cibilic (AUS) war ein Stilduell. Ferreira: schnell und frontside mit Back-to-Back-Air-Reverses auf einer Welle für 9.33. Cibilic: kompromisslos backside, vertikale Re-Entries, früh mit einer 8.90 in Führung. Beide posteten ihre persönlich besten Two-Wave-Totals des gesamten Events. Am Ende verpasste Cibilic die letzte potenzielle Welle. Ferreira schloss mit einem Heat-Total von 17.50.
Sein Sieg verschob die Rangliste deutlich zugunsten Brasiliens: Neben Ferreira auf Platz eins sitzen Gabriel Medina, Yago Dora, Filipe Toledo sowie die Brüder Miguel und Samuel Pupo in den oberen Rängen, sechs Brasilianer:innen, die den Ton angeben.
Code Red: Ed Sloane im Line-up attackiert
Beim Finals Day kippte die Stimmung kurz ins Surreale: Während der Männer-Halbfinale zwischen Italo Ferreira und Yago Dora wurde WSL-Wasserfotograf Ed Sloane von einem bislang nicht eindeutig identifizierten Meerestier – die Spanne reicht von Hai bis Seelöwe – am Knöchel gebissen und musste per Jetski in Sicherheit gebracht werden. Die WSL aktivierte umgehend den Code Red, holte die Surfer aus dem Line-up und legte den Contest für mehrere Stunden auf Eis, bevor Sloane an Land versorgt und ins Krankenhaus gebracht wurde. Von dort meldete sich der erfahrene Fotopro mit Fotos seiner Verletzungen und der Beschreibung „Nightmare Fuel“, betonte aber, dass er stabil sei. Solche Wildlife‑Incidents sind im Rahmen der Championship Tour zwar selten, aber kein völliger Ausreißer.
Lindblad und Cibilic: Starke Finallauf-Leistungen

Sawyer Lindblad (USA), 20 Jahre alt, Südkalifornierin, Goofy-Footer, lieferte das Turnier ihres bisherigen Lebens. Sie schlug Stephanie Gilmore (AUS) und Tyler Wright (AUS), zwei World Champions, und stand am Ende im Finale gegen Moore. Ihr drittes CT-Finale katapultiert sie auf Weltranglisten-Platz fünf, den höchsten Stand ihrer Karriere — ein Sprung von mindestens 15 Positionen gegenüber ihrem Stand vor Raglan.
Morgan Cibilic (AUS) feierte damit die Einstellung seines Karrierebestwerts: Zuletzt hatte er 2021 auf Rottnest Island ein Finale erreicht – damals gegen Gabriel Medina.. Der 26-Jährige ist der erste Surfer der Saison 2026, der aus Runde eins direkt ins Finale durchmarschierte. Auf seinem Weg besiegte er unter anderem Griffin Colapinto (USA) und Rio Waida (INA). Mit diesem Finalist-Platz kletterte er um 16 Positionen nach oben in der Rangliste — von Position 32 auf Position 16.

Rangliste nach Stop 4: Brasilien dominiert, Moore auf dem Vormarsch
Die Tabelle nach dem Corona Cero New Zealand Pro zeigt eine klare Tendenz nach vier absolvierten Stops der Saison 2026 (zehn Stops gesamt):
Herren-Championship Tour (Top 5):
- Italo Ferreira (BRA) — Yellow Jersey, 11 CT-Titel in seiner Karriere
- Miguel Pupo (BRA)
- Gabriel Medina (BRA)
- Yogo Dora (BRA)
- George Pittar (AUS)
Damen-Championship Tour (Top 5):
- Gabriela Bryan (HAW)
- Luana Silva (BRA)
- Molly Picklum (AUS)
- Lakey Peterson (USA)
- Sawyer Lindblad (US)
Saison-Kontext: Mit vier von zehn absolvierten Stops befinden sich die Athleten im ersten Drittel der Saison. Ferreiras Yellow Jersey und die brasilianische Dominanz in den Herren-Top-6 deuten auf eine starke regionale Form hin. Bei den Damen zeigt sich ein Generationswechsel: Lindblads Aufstieg auf Platz fünf und Moores Rückkehr auf Platz sechs nach ihrer Auszeit signalisieren eine Umschichtung an der Spitze.
Ausblick: Surf City El Salvador Pro — Stop 5 wartet
Nach Neuseeland geht es direkt nach Mittelamerika. Das Surf City El Salvador Pro ist Stop Nummer fünf der 2026er Championship Tour. Das Competition Window läuft vom 5. bis 15. Juni 2026.
Der Spot: Punta Roca, ein schneller, hohler Rechtsbrechter, der exakte Gegenentwurf zu Manus langen Linksbrecher. Für Ferreira, der in Raglan betonte, wie sehr ihn ein echter Linksbrecher motiviert hat, bedeutet das eine Umstellung. Für Cibilic, dessen Backside-Surfen in Raglan glänzte, wird Punta Roca eine andere Aufgabe sein. Wer das Yellow Jersey in El Salvador verteidigt, hängt davon ab, wie schnell sich die Spitze auf Recht-Wellen umstellt.
Raglan hat geliefert und bewiesen, dass Manu Bay als CT-Spot auf höchstem Niveau funktioniert. Zwei Elternteile oben auf dem Podium, eine 33-Jährige mit dem höchsten Score der Saison, ein Brasilianer, der die Rangliste dominiert. Die Saison 2026 nimmt Fahrt auf.






