NOW DAYS: Die Zukunft des Surfens ist weiblich

Now Days
Quelle: redbull.com

Sechs Surferinnen. Ein Budget, das in der Surf-Film-Welt Maßstäbe setzt. Und eine Frage, die sich damit stellt: Wie sieht die Zukunft des Frauen-Surfens aus, wenn man ihr wirklich Raum gibt? „Now Days“ heißt der 45-minütige Film, der genau das versucht zu beantworten. Im Mittelpunkt stehen Carissa Moore, Tatiana Weston-Webb, Caitlin Simmers, Molly Picklum, Caroline Marks und Bronte Macaulay — die sogenannten „Super Six“. Keine Rahmenhandlung über Träume und Rückschläge, keine Kamera, die Surferinnen als Nebenfigur ihrer eigenen Geschichte behandelt. Stattdessen: Performance, Persönlichkeit und eine Gruppe, die die Szene gerade neu schreibt. Das Projekt gilt als das finanziell am stärksten unterstützte Surf-Film-Projekt des Jahres 2026 — und das ist keine Kleinigkeit in einer Branche, in der Frauen-Surfen selten diese Ressourcen bekommt. Worum es geht, wer die Protagonistinnen sind und was den Film von anderen unterscheidet.

Die Super Six im Check

„Now Days“ folgt keinem einzelnen Karriereweg, sondern einer Gruppe. Sechs Surferinnen, die Red Bull unter dem Begriff „Super Six“ zusammengefasst hat, stehen im Mittelpunkt. Namen, die im Profi-Surfen längst bekannt sind: Carissa Moore, Stephanie Gilmore, Caitlin Simmers, Caroline Marks, Tatiana Weston-Webb und Molly Picklum.

Was diese Besetzung interessant macht, ist die Spannung zwischen den Generationen. Gilmore und Moore sind legendäre Figuren der Tour, mehrfache Weltmeisterinnen, deren Einfluss auf das Frauen-Surfen kaum überschätzt werden kann. Simmers und Picklum stehen für eine jüngere Generation: aggressiver, kantiger im Stil, weniger am klassischen Formen-Ideal orientiert. Marks und Weston-Webb liegen irgendwo dazwischen, erfahren genug, um die Dynamik zu lesen, jung genug, um sie mitzuprägen.

Genau diese Mischung ist das Herzstück des Films: nicht die Rivalität allein, nicht die Freundschaft allein, sondern das Feld dazwischen, in dem echte Progression entsteht.


Carissa Moore

Carissa Moore
  • Voller Name: Carissa Kainani Moore
  • Geburtsdatum: 27. August 1992
  • Herkunft: Honolulu, Hawaii, USA
  • Titel: 5× WSL World Champion (2011, 2013, 2015, 2019, 2021); Olympiagold Tokio 2020; mehrfache Junior-Titelträgerin

Carissa Moore wuchs auf Oahu auf, wo sie schon als Kind in den Wellen vor Honolulu surfte. Mit 18 Jahren holte sie 2011 ihren ersten Weltmeistertitel und dominierte danach zwei Jahrzehnte lang die Tour. Ein Karriere-Moment, der ihre Konstanz definiert: Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio gewann sie Gold – eine Bestätigung ihrer Weltklasse-Position über alle Bedingungen hinweg. Ihr Surfstil verbindet Kraft mit Präzision. Stephanie Gilmore ist die Einzige, die in Sachen Titelanzahl mithalten kann. 2024 kündigte Moore eine Surfpause an, kehrte aber für die WSL Women Comeback Season zurück.


Stephanie Gilmore

Stephanie Gilmore
  • Voller Name: Stephanie Gilmore
  • Geburtsdatum: 6. Januar 1988
  • Herkunft: Murwillumbah, New South Wales, Australien
  • Titel: 8× WSL World Champion (2007–2010, 2012, 2014, 2018, 2022)

Stephanie Gilmore ist die Rekordhalterin der Frauen-Tour: acht Weltmeistertitel. Der Wendepunkt ihrer Karriere kam 2022, als sie nach einer Verletzungspause ihren achten Titel holte – ein Comeback, das zeigte, dass ihre Dominanz nicht an ein Alter gebunden ist. Ihr Surfstil gilt als einer der ästhetisch stimmigsten im gesamten Profi-Zirkus – fließend, fast lässig, aber mit einer Präzision, die konsequent überzeugt. Gilmore ist auch 2025 auf der Tour aktiv und zählt zu den zentralen Figuren der WSL Women Comeback Season. Eine lebende Legende, die noch immer im Line-up steht.


Caitlin Simmers

Caity Simmers
  • Name: Caitlin Simmers
  • Geburtsdatum: 8. März 2006
  • Herkunft: Oceanside, Kalifornien, USA
  • Titel: WSL World Champion 2024; ISA Girls U16 World Junior Champion 2018

Caitlin Simmers ist das vielleicht größte Talent, das die Frauen-Tour seit Jahren gesehen hat. Der entscheidende Moment: Mit 18 Jahren holte sie 2024 den Weltmeistertitel und ließ dabei gestandene Surferinnen wie Caroline Marks und Tatiana Weston-Webb hinter sich – die jüngste Siegerin in dieser Saison. Ihr Surfstil ist progressiv, kompromisslos. Sie versucht Manöver, die auf der Frauen-Tour bis vor kurzem kaum jemand wagte. Sie kommt aus Oceanside, einem Spot für anspruchsvolle Bedingungen. Simmers ist keine Überraschung mehr. Sie ist der neue Standard.


Caroline Marks

Caroline Marks
  • Name: Caroline Marks
  • Geburtsdatum: 14. August 2001
  • Herkunft: Melbourne, Florida, USA
  • Titel: WSL World Champion 2023; Olympiagold Paris 2024; mehrfache CT-Event-Siegerin

Caroline Marks qualifizierte sich am 5. November 2017 für die Championship Tour. Sie debütierte damit als damals jüngste Surferin überhaupt in der CT-Saison 2018. Ein Jahr später, 2023, krönte sie sich zur Weltmeisterin. Der Höhepunkt folgte 2024: Sie holte Gold bei den Olympischen Spielen in Paris und bewies damit ihre Fähigkeit, unter extremem Druck zu liefern. Marks surft mit technischer Sauberkeit und athletischer Explosivität – eine Kombination, die sie auf unterschiedlichsten Spots gefährlich macht. Sie ist in Florida aufgewachsen, weit weg von den klassischen Surf-Mekkas. Das macht ihren Weg nach oben noch bemerkenswerter.


Tatiana Weston-Webb

Tatiana Weston-Webb
  • Name: Tatiana Weston-Webb
  • Geburtsdatum: 10. Oktober 1996
  • Herkunft: Kauai, Hawaii, USA (brasilianisch-amerikanisch)
  • Titel: Mehrfache CT-Event-Siegerin; WQS-Titelträgerin 2015; Olympia-Teilnehmerin (Tokio 2020, Paris 2024) für Brasilien

Tatiana Weston-Webb ist auf Kauai aufgewachsen, surft aber seit Jahren unter brasilianischer Flagge. Ein Karriere-Meilenstein: 2015 gewann sie die WQS-Meisterschaft und qualifizierte sich damit für die Championship Tour, wo sie sich seitdem als konstante Kraft etabliert hat. Zwei Olympia-Teilnahmen (2020 und 2024) unterstreichen ihre Position in der absoluten Weltklasse. Auf der Tour zählt sie zu den konstantesten Surferinnen der vergangenen Jahre. Sie ist gefährlich in Tubes, stark in Wellen mit Power, schwer zu schlagen, wenn die Bedingungen stimmen. Ihr Surfstil trägt die Handschrift von Kauai: perfektes Timing, direkter Approach.


Molly Picklum

Molly Picklum
  • Name: Molly Picklum
  • Geburtsdatum: 4. März 2003
  • Herkunft: Shelly Beach, New South Wales, Australien
  • Titel: CT-Event-Siegerin; mehrfache Junior-Erfolge auf Challenger Series und CT

Molly Picklum kommt aus Shelly Beach an der Central Coast von New South Wales. Diese Region ist bekannt für solide, aber keine spektakulären Bedingungen. Was sie daraus gemacht hat, ist beeindruckend. Der konkrete Beweis ihrer Entwicklung: Sie kämpfte sich über die Challenger Series auf die Championship Tour und blieb dort – ein Weg, den viele versuchen, aber wenige schaffen. Picklum gilt als eine der technisch saubersten Surferinnen ihrer Generation. Ihr Backhand-Surfing überzeugt regelmäßig. Ihr Aufstieg zeigt: Der Weg über die Qualifier-Route führt nach oben, wenn man die Substanz mitbringt.


Rivalität und Freundschaft: die eigentliche Story

Was einen Surf-Film über Athletinnen von einem reinen Performance-Clip unterscheidet, ist die Frage nach dem Zwischenraum. Wie gehen Frauen miteinander um, wenn sie gegeneinander antreten, sich gegenseitig pushen und trotzdem respektieren?

„Now Days“ nimmt sich dieser Frage an, ohne sie aufzulösen. Der Film dokumentiert eine Generation, die Rivalität und echte Verbundenheit gleichzeitig lebt. Das ist keine Selbstverständlichkeit im Leistungssport, und es ist auch keine Selbstverständlichkeit im Surfen, das lange von einer männlich dominierten Erzählung geprägt war.

Was den Film davon abhält, in Klischees zu fallen: Er zeigt keine perfekte Harmonie. Die Konkurrenz ist real. Die Sessions sind es auch. Wenn Simmers eine Welle surft, die Moore nicht surfen würde, ist das keine Provokation, sondern Stil. Und umgekehrt. Genau diese Differenzen machen das Ensemble lebendig.

„Now Days“ baut auf genau dieses Wissen: dass Athletinnen, die im Wettkampf gegeneinander antreten, danach denselben Tisch teilen können, und dass beides echt ist.

Performance-Surfen, neu gerahmt

Frauen-Surfen wurde lange an Männer-Standards gemessen. Höher, schneller, mehr Rotation: Der Maßstab kam selten aus der Szene selbst. „Now Days“ setzt einen anderen Rahmen, nicht kleiner, aber eigener.

Der Film ist ein Statement für eine neue Ära des Frauen-Surfens, in der Athletinnen die Bedingungen diktieren, unter denen sie gezeigt werden wollen. Spots, Lichtverhältnisse, Wellenauswahl: Das sind keine redaktionellen Entscheidungen, die über die Köpfe der Surferinnen hinweg getroffen werden.

Was das visuell bedeutet: Der Film zeigt keine Wellen, die für die Kamera gezähmt wurden. Die Bildsprache folgt dem Surfen, nicht umgekehrt. Wenn eine Welle bricht, bevor die ideale Einstellung steht, ist das kein Fehler, sondern Teil des Bildes. Das gibt „Now Days“ eine Textur, die viele Surf-Produktionen vermissen lassen.

Was den Film von anderen Produktionen unterscheidet

Budget allein macht keinen guten Film. Aber Budget gibt Spielraum, und Spielraum entscheidet oft darüber, ob ein Projekt Tiefe bekommt oder an der Oberfläche bleibt.

Red Bull hat gezeigt, dass große Produktionen im Surf-Bereich funktionieren. Der Red Bull Storm Chase ist ein anderes Format, aber dieselbe Philosophie: Ressourcen einsetzen, um Bedingungen zu schaffen, die andere nicht schaffen können.

Bei „Now Days“ bedeutet das konkret: mehr Zeit mit den Athletinnen, mehr Drehtage, mehr Spielraum für Momente, die sich nicht planen lassen. Das Projekt gilt als das finanziell am stärksten unterstützte Frauen-Surf-Film-Vorhaben, das die Branche bisher gesehen hat. Das setzt einen Vergleichspunkt, an dem sich zukünftige Produktionen messen lassen müssen.

Was das für die Szene bedeutet: Frauen-Surfen bekommt eine Produktionsqualität, die dem Niveau des Surfens selbst entspricht. Das war lange nicht selbstverständlich, und es ist ein Signal, das über den Film hinausgeht.

Was „Now Days“ für die Surf-Szene bedeutet

Surf-Dokumentationen kommen und gehen. Manche hinterlassen einen Stil, manche einen Namen, manche nichts. „Now Days“ hat das Potenzial, mehr zu sein als ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der Surf-Filme, weil er zu einem Moment erscheint, in dem das Frauen-Surfen selbst gerade neu verhandelt wird.

Die WSL hat die Frauen-Tour strukturell aufgewertet. Comebacks wie das von Stephanie Gilmore zeigen, dass die Szene nicht nur nach vorne schaut, sondern auch ihre Geschichte trägt. „Now Days“ greift genau das auf: eine Gruppe, die sowohl Vergangenheit als auch Zukunft prägt und dokumentiert.

Wer die Super Six kennt, weiß, dass hier kein Marketingkonstrukt am Werk ist. Diese Frauen surfen miteinander und gegeneinander, lange bevor eine Kamera dabei war. Der Film macht das sichtbar, und das ist sein stärkstes Argument.

ef8171ad11bd43a6b5774db5705d4137
Bild von Team Coastaluna

Team Coastaluna

Share the Post: